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Die Europaglosse vom 11. März 2009

Schein und Sein in Brüssel

 Eckart D. Stratenschulte

Artikel vom 10.03.2009 Letzte Aktualisierung am 11.03.2009 09:35 TU

Die Glosse vom 11. März 2009

11/03/2009 Eckart D. Stratenschulte

Wer es beruflich mit der Europäischen Union zu tun hat, erhält früher oder später eine Einladung nach Brüssel, um etwas zu planen, zu besprechen oder zu vereinbaren.

Da kommt Vorfreude auf: Brüssel: die Hauptstadt Europas, die Grande Place, gute Restaurants, frische Waffeln, leckere Pralinen ...

Die Realität ist ernüchternd. Die Europäische Union ist mit ihren 1,9 Millionen Quadratmetern Büroraum in einem Viertel konzentriert, das sich um einen Kreisverkehr entwickelt, der auch nur Kreisverkehr heißt, wenn auch mit dem Namenszusatz „Robert Schuman“. Eine Aneinanderreihung hässlicher und gesichtsloser Bürogebäude wird mit der Rue Belliard und der Rue de la Loi durch zwei Straßen zerschnitten, die eher an Stadtautobahnen erinnern als an innerstädtische Boulevards. Wer hier zu tun hat, bewegt sich am besten ohne zu schauen und ohne zu atmen an den Ort des Geschehens und hinterher in gleicher Weise zurück. Zum Verweilen, zum Nachdenken, zum Diskutieren lädt hier nichts ein. Das Eurokratenviertel sieht vielmehr so aus, wie die Bürger sich die Europäische Union vorstellen:  gesichtslos, anonym und seelenlos.

Das ist aber nicht nur ein Problem für die Journalisten im Feuilleton. Moderne und wettbewerbsfähige Unternehmen investieren viel Geld in ihre Firmensitze. Sie wissen, dass die Erscheinung für den Wert der Marke wichtig ist. Und ihnen ist klar, dass Mitarbeiter, die in grauen Kästen sitzen auch graue Gedanken haben. Kreativität entsteht in offener und bunter Atmosphäre. Mens sana in corpore sano sagten die alten Lateiner. Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Was für uns als Menschen gilt, gilt auch für die Gesellschaft.

Nun ist Stadtplanung ja eigentlich die Angelegenheit der Kommune, aber die Stadt Brüssel, die in mächtige Stadtbezirke zersplittert ist, hat hier völlig versagt.

Erfreulicherweise hat man dieses auch in der Europäischen Kommission erkannt. Mit Sim Kallas hat sich ein leibhaftiger Vizepräsident der Sache angenommen und den Präsidenten der Hauptstadtregion Brüssel als Bündnispartner gewonnen. Mit der Schnelligkeit, für die Brüssel berühmt ist, wurde 2007 der Startschuss für einen Ideenwettbewerb  gegeben, dessen Ergebnisse nun im Frühsommer 2009 vorgelegt werden sollen. Von einer Umgestaltung ist die Rede, die mehr Platz schafft für die Menschen, sogar Bäume sollen die Rue de la Loi schmücken. Wird der Verkehr dort allerdings nicht reduziert werden, müssen die wohl aus Plastik sein.

Aber im Ernst: Dass die EU etwas für ihr Image tut, dass ihr nicht länger egal ist, wo sie sitzt, ist gut und wichtig für die Außendarstellung. Dass sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Arbeitsumfeld schaffen will, in dem diese auch kreativ und mit Lebensfreude tätig sein können, ist gut für uns alle. Hoffen wir, dass die Finanzkrise und die daraus resultierenden Konjunkturprogramme dieses Vorhaben beschleunigen und nicht auf den St. Nimmerleinstag verschieben, denn eine positiv gestimmte und innovative Europäische Union ist für uns wichtiger denn je.

Eckart D. Stratenschulte© eab-berlin
Eckart D. Stratenschulte, Leiter der Europäischen Akademie Berlin.